Prolog
„Maria Himmelfahrt“ gefeiert am 15. August, ist zwar nur regional ein geschützter Feiertag und damit arbeitsfrei, doch für viele Katholiken ein herausragender Festtag, der tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt ist. Gesammelte Kräuter begleiten ihn und viele glauben, sie setzen erst durch den Kräutersegen an Maria Himmelfahrt ihre schützende und heilende Wirkung frei. Speziell in Altbayern wird dieser Feiertag besonders von frommen Frauen hochgehalten, ist ihnen doch mit dem „Frauendreissiger“ der ganze folgende Monat gewidmet. Nach Mariä Himmelfahrt, dem „Großen Frauentag", folgen Maria Königin am 22. August, Mariä Geburt am 8. September, Mariä Namen am 12. September und Gedächtnis der Schmerzen Mariens am 15. September.
Mit Feiertagen, Maiandachten, Marienaltären und Wallfahrten wurde Frauen im katholischen Altbaiern die Gottesmutter Maria traditionell sehr nahe, aber auch das ist eine eher junge Entwicklung. Denn kaum blickt man mit dem gebührenden Abstand eines Spurensuchers näher auf die historischen Wurzeln dieses Feiertags, schon muss man einiges zurechtrücken, diesen Tag von zuweilen bigöttischer Frömmelei befreien und den primär legendengestützten Volksglauben etwas zurückdrängen, um an die Ursprünge dieses Feiertags zu gelangen. Und wie vielen christlichen Feiertagen eigen, es wurden auch hier alttestamentarisches und auch germanisches Brauchtum genutzt und christlich neu belegt, auch wenn das gerne verdrängt wird, gar vergessen ist. Des Weiteren lässt sich dieser Festtag auch nicht mit dem Neuen Testament belegen. Die orientalische Urkirche vereinnahmte in „Maria Himmelfahrt“ vorchristliches Brauchtum und begleitete bzw. ersetzte es mit der Annahme der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, eine theologisch mehr als fragwürdige Konstruktion.
Aber lesen Sie selbst, was zum und um das Fest „Maria Himmelfahrt“ an `Gschichten verbreiitet ist und was zurechtgerückt werden muss, befasst man sich intensiver mit Historie, Brauchtum, Glauben und Kirchengeschichte. Und weil wir ja immer nahe an den Traditionen bleiben wollen, die in Hallbergmoos üblich waren und gar noch gepflegt werden, es gibt sie auch hier noch, die Kräutersegnung, und zwar am Samstag, 15.August 2026, am Feiertag „MARIÄ AUFNAHME IN DEN HIMMEL“, um 8.30 Uhr in Birkeneck nach dem Festgottesdient und um 10 Uhr in Hallbergmoos nach der WORTGOTTESFEIER. Gläubigen muss also nicht bange sein, trotz der Säkularisierung vieler Lebensbereiche wird christliches Brauchtum noch gepflegt, auch in Hallbergmoos, wenn auch nur noch rudimentär, und deshalb sei es hier ausführlich beschrieben.
Eching, verfasst im „Frauendreissiger des Jahres 2026“ Josef Moos
1. „Maria Himmelfahrt“ in frühen christlichen Gemeinden
Es war die orientalische Urkirche mit Bischof Kyrill von Alexandrien, die im 5. Jahrhundert erstmals die Aufnahme Marias in den Himmel als Festtag beging. Dieser Bischof, er gilt als Gründer der koptischen Kirche, musste auf dem Konzil von Ephesus 431 aber erst die Gottesmutterschaft Mariens durchsetzen und dann konnte er sie in Frieden kurz als solche entschlafen lassen und diesen Festtag für die frühen Christen einführen. Kyrill legte das Fest auf den 15. August, an diesem Tag feierten die Römer ihr höchstes Fest, „Feriae Augusti = Feiertage des Augustus“. Da wurde drei Tage lang der Sieg von Kaiser Augustus über Marc Anton und Kleopatra in der Seeschlacht 31 v. Chr. bei Actium und Alexandria gefeiert. Diese drei Jahrestage waren von da an im ganzen römischen Reich Feiertage, später nur der 15. August. Ende des 6. Jahrhunderts legte Kaiser Mauritius von Byzanz den Marienfeiertag für alle Christen auf den 15. August, in den deutschen Provinzen führte die Mainzer Synode von 813 das Marienfest offiziell ein. Hier zeigt sich wie bei den Festen Ostaria und den Sonnwenden, die frühe Amtskirche war geschickt im Vereinnahmen und Umwidmen vorchristlicher, gar heidnischer Feiertage. In Italien ist mit Ferragosto, dem 15. August, der alte römische Feiertag nur noch im Namen präsent, Prozessionen zu Ehren Mariens beherrschen das Leben auf den Dörfern und in den Kleinstädten an diesem Tag. Und man nimmt m katholischen Italien die Auffahrt Marien in den Himmel sehr wörtlich.
Weil ja die Gläubigen der Urkirche in ihrer Mehrheit nicht des Lesens kundig waren, konnten sie auch nicht wissen, dass Mariens Auffahrt an keiner Stelle des Neuen Testaments erwähnt ist, wie ja auch zum Leben Jesu keine einzige schriftliche zeitgenössische Quelle existiert. Erst das Matthäus-Evangelium, entstanden um ca. 80 n. Chr., berichtet, gespeist „vom Hörensagen und vagen mündlichen Überlieferungen“ erstmals über das Wirken Jesu. Doch fehlt in allen vier Evangelien jeder Hinweis auf den Tod von Maria. Fromme Legenden haben in den folgenden Jahrhunderten das Ende von Maria für die Gläubigen aufbereitet. Es heißt da, Maria wurde nach ihrem Tod, wie es üblich war, in einem Steinsarg bestattet, als die Jünger später das Grab öffnen ließen, befand sich darin nicht ihr Leichnam, sondern Kräuter und Blumenblüten.


Andere Überlieferungen malen eine bildliche Himmelfahrt aus, bei der Maria von Engeln getragen in den Himmel aufsteigt. Gerade diese Vorstellung hat seit der Renaissance Maler beflügelt, Tizian Tiziano Vecellio (1488 - 1576) malte es 1518 in einem ersten Bild, stellt Maria von Engeln begleitet und auf einer Wolke schwebend bei ihrer Auffahrt dar, wo sie von Gottvater oben schon erwartet wird. Putten, geschlechtslose Wesen, die für Engel stehen, begleiten Maria, zurück am Boden bleiben die bestürzten Jünger, die die Entschwebende wohl zurückholen wollen.
Aber erst 1950 legte Papst Pius XII. in einem Dogma, gestützt auf seine päpstliche Unfehlbarkeit, fest, dass die Jungfrau Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Maria, als Mutter Jesu, nimmt wegen ihrer einzigartigen Verbindung mit der Erlösungstat von Jesus – seinem Tod am Kreuz – als die „Ersterlöste“ an der Auferstehungsgestalt Christi teil.
Hier schwebt Maria auf einer Wolke noch knapp über den Häuptern der Jünger, die wohl immer noch im Steinsarg nach dem Leichnam Mariens suchen. Hier begleiten nicht Putten die Auffahrt, sondern barock gewandete Engel. Noch ist Maria nicht im Himmel, vielleicht will se sich den Jüngern noch zeigen als Zeichen, dass auch sie einmal in den Himmel auffahren werden. Auch Gottvater ist noch nicht zu sehen, wohl aber deutet die Helligkeit und das oben aufgesetzte Halbrund die Herrlichkeit des Himmels an. Man könnte es als die erwartete Krönung Mariens als Himmelskönigin deuten.
Eine ähnliche Szene wiederholt sich im Hochaltarbild dieser Kirche. Da sitzt Maria bereits im Himmel, das Kind auf dem Arm, umgeben von vorweg aufgefahrenen Propheten des Alten Testaments.

Candid malte das Bild im Alter von 70 Jahren, es ist eines seiner Spätwerke, als er bereits „Kammermaler“ war. Er erfreute sich höchster Anerkennung und trug den ehrenvollen Titel eines „Kammermalers“ des bayerischen Herzogs Albrecht IV. Das ehem. Altarbild zeigt die Ankunft Marias in den Himmel. Sie wird vom vorweg aufgefahrenen Jesus begrüsst, der ihr die Krone der Himmelsgöttin aufsetzt. Diese Zeremonie wird von den Engeln, die sie auf der Wolke begleiteten, besungen, im Himmel begrüssen die vorweg aufgefahrenen Propheten des Alten Tastaments Maria. Auffällig ist hier das Fehlen von Gott Vater, den Tizian in seinem Muster für viele Auferstehungsgemälde im gleichen Jahr über der Szenerie schweben ließ. Unten haben sich die Jünger versammelt, blicken aber nicht mehr in den leeren Steinsarg, sondern „sehen“ die Aufnahme Mariens oben im Himmel. Ganz im Sinne des pädagogischen Auftrags von Gemälden in Kirchen und der Ausmalerei des Kirchenraums hat Candid zwei Bücher am Boden platziert. Sie sollen auf Maria als Lehrmeisterin der Apostel deuten. Dazu ist aber in den Evangelien nichts erwähnt. Diese noch irdische Aufgabe wies Candid Maria wohl nach der Auffahrt Jesu zu. Sie muss ja ihren Sohn um viele Jahre überlebt haben, glaubt man der Behauptung des Kirchenlehrers Johannes von Damaskus, der sie im Alter von 72 Jahren sterben ließ.

Der naive Volksglaube und das oft dilettantische Kopieren von Gemälden schuf eine Vielzahl von Versionen der Darstellung der Auffahrt Mariens in den Himmel. In dem Gemälde über dem Orgelprospekt in Bad Kötzting in Niederbayern begrüßen Engel Maria, die bereits von 12 Sternen umgeben ist. Diese stehen für die zwölf Stämme Israels, von denen aber zehn unauffindbar verloren gingen. Sie sind also nur noch als Einkrönung Mariens und im Gedächtnis präsent. An Gottheit ist in dieser Gestalt nur der Heilige Geist als ganz oben schwebende Taube sichtbar. Der Vorgang der Auffahrt wie die vorweg versehentliche Suche der Jünger im Steinsarg ist bei dieser Darstellung nicht mehr erkennbar. Auch fehlen die bereits vorweg in den Himmel aufgefahrenen Propheten des Alten Testaments.
2. Maria: Aufgefahren oder nur „entschlafen“ ?
Im naiven katholischen Volksglauben hat sich die Vorstellung von der körperlichen Aufnahme Mariens in den Himmel zementiert. Näher an einer noch akzeptablen Lehre sind die orthodoxen Ostkirchen. Sie gaben diesem Fest von Beginn an die Bezeichnung „Hochfest des Entschlafens der allheiligen Gottesgebärerin“, eine körperliche Auffahrt in den Himmel verneint die Orthodoxie noch heute.
Für die frühen Gläubigen, mangels Schulbildung ohne jede Kenntnis von Altem und Neuem Testament, brauchte es aber für Maria als die Mutter von Jesus konkrete Bezüge zum irdischen Leben und seinem Ende. Dem griechischen Kirchenlehrer Johannes von Damaskus (650 – 754) gelang das mit einer rührenden Legende bereits im achten Jahrhundert:
Als die Mutter Gottes im Alter von 72 Jahren starb, fehlte beim Begräbnis Thomas, einer der Jünger. Er war auf Reisen. Als er zurückkam und Maria noch einmal sehen wollte, öffneten die Jünger das Grab. Der Sarg aber war leer, nur Kräuter und Rosen lagen darin. War Maria also auf Kräuter gebettet bestattet worden? 77 sollen es gewesen sein, doch dazu später.

Ob diese Legende und ihr Schöpfer tatsächlich Teil der Kirchengeschichte sind, lässt sich nicht nachweisen, ihre Entstehung fiel in die Zeit des sogenannten Bilderstreits, es existieren dazu weder schriftliche Quellen noch ein Bild des Johann von Damaskus. Während des Bilderstreits, der von den Anfängen des Christentums bis in das 8. Jahrhundert dauerte, war, ganz in der Tradition des Judentums, jede Darstellung von Personen der Kirchengeschichte bei Strafe verboten. Der Islam behielt übrigens das Abbildverbot bis heute bei.
Eine frühchristliche Wandmalerei hat sich trotz des Bilderstreits in Kutaissi, Georgien, erhalten: Die Jünger als Zeugen der körperlichen Auferstehung Marias aus dem Steinsarg. Eine wie auch immer geartete Auffahrt wird nicht dargestellt, weil in der georgischen Urkirche ja auch abgelehnt.

Sehr blumig ist in der Offenbarung des Johannes (12,1) ein Marienbild beschrieben, das später als, Maria befindet sich im Himmel, gedeutet wurde:
Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: Eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
Dieses Zitat setzten Künstler in der Mondsichel-Madonna um, also über allem Irdischen schwebend und die auf Mariensäulen übliche Darstellung.
Die Auffahrt Mariens hat noch weitere historische Wurzeln, die ältesten im Kult des griechischen Götterhimmels. So soll Aeneas, ein Verteidiger Trojas, in den Olymp aufgenommen worden sein, oft bezeichnet als „Vergötterung“ oder „Apotheose des Aeneas“. Nach den Erzählungen des Ovid soll Venus den Göttervater Jupiter um die Aufnahme ihres Schützlings Aeneas in den Olymp gebeten haben. Da auch die anderen Götter zustimmen, gewährt er ihr die Bitte.
3. Maria Himmelfahrt als Dogma
Trotz des naturwissenschaftlich unmöglichen Procederes verkündete Papst Pius XII. im Jahr 1950 ein Dogma, also eine unfehlbare Entscheidung, dass Maria „nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde“. Es heißt, der Papst sei von den Leichenbergen des II. Weltkriegs inspiriert worden, und habe damit unterstreichen wollen, dass auch der Leib eine Würde und Bedeutung habe und von Gott angenommen wird, in welchem Zustand auch immer, nicht nur die Seele. Bekannt ist auch, dass der Papst erst eine Umfrage bei den Bischöfen vornahm, die überwältigende Mehrheit unterstützte seinen Plan, dieses Dogma zu verkünden. An Mariä Himmelfahrt also soll die Mutter Jesu nach Ablauf ihres irdischen Lebens mitsamt ihrem Leib in den Himmel, in die himmlische Herrlichkeit, aufgenommen worden sein. Interessant ist aber, die Amtskirche spricht auch nicht von „Auffahrt“, sondern von der Aufnahme Mariens. Ob allen Gläubigen der Unterschied zu Christi Himmelfahrt bewusst ist?
Christus stieg aus eigener Kraft zum Himmel empor,
Maria hatte eine passive Rolle, sie wurde aufgenommen – in welcher Form auch immer“
Die christliche Lehre verspricht ja die Auferweckung aller Gläubigen am Jüngsten Tag, bis zu diesem Tag lebt nur die Seele weiter, sie gilt als ewig und unsterblich. Aber dürfen nach christlicher Überzeugung nicht alle Menschen auf die Auferstehung hoffen, denn erst dann wird gerichtet werden und den Menschen ein Platz in Himmel oder Hölle zugewiesen? Verständlich wird der Hintergrund des Festes erst dann richtig, wenn man sich in traditionelle katholische Lehre von der Trennung von Leib und Seele vertieft, die erst wieder am Morgen der Auferstehung wieder zusammenfinden. Die wissenschaftliche Theologie erklärt den Feiertag Maria Himmelfahrt als Zeichen, dass Maria vor allen anderen Menschen das Privileg genoss, sofort nach ihrem Tod mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen zu werden. Das lässt sich als Appell an die Gläubigen interpretieren, die Auferstehung und die Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel sind kein leeres Versprechen, Maria hat das vorweg gezeigt, als Gottesmutter sei ihr dieses Privileg eingeräumt. Ausgeklammert ist im naiven Volksglauben, dass Maria im Himmel ja sehr einsam sein muss, sie ist ja nach Gottes Sohn der bisher einzige Mensch, der in den Himmel aufgenommen wurde. Das Alte Testament jedoch nennt zahlreiche Propheten und Wohltäter, die bereits in vorchristlicher Zeit in den Himmel aufgefahren sein sollen, so Jesaja, Hennoch, Elias, Abraham und selbst Moses. Die katholische Amtskirche schweigt sich hier aus, wie zu vielen Überlieferungen aus dem Alten Testament.

Mit dem Dogma von 1950 wollte der Papst wohl auch das „Marianisches Jahrhundert" beenden. Es war geprägt von nahezu bigöttischer Marienverehrung nach den Marienerscheinungen in La Salette 1846, Lourdes 1858 und Fatima 1917, die schon bald Massen von Pilgern anzogen. Die Päpste förderten anfangs diese Marienfrömmigkeit als ein geeignetes Mittel gegen den Geist der säkularen Nationalstaaten und später den Kommunismus. Sie setzten aber selbst den Auftakt der oft irrationalen Marienverehrung, so 1854 Papst Pius IX. mit dem Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens.
In Altbaiern hat schon vorher eine spezielle Form der Marienverehrung bestanden, denn Kurfürst Maximilian I. legte 1638 das Gelübde ab, ein „gottgefälliges Werk“ zu tun, eine Mariensäule zu errichten, sollten die Schweden die Stadt verschonen. Maria wurde zur Patrona Bavaria erhoben, Mariensäulen auf vielen Marktplätzen Altbaierns wurden in der Folge errichtet, in Freising 1674. Auch die Vorgängerkirche des Freisinger Doms war schon eine Marienkirche, Korbinian fand sie bereits bei seiner Ankunft in Freising 724 vor.

Ungebrochen war und ist aber die Marienverehrung im Herz Altbayerns, in Altötting. Zur „Schwarzen Madonna“ wallfahren Gläubige seit 1489. Die Sammlung an Votivgaben in und an der Gnadenkapelle ist legendär in Anzahl und Gestaltung. Verehrt und um Hilfe in Notlagen wird hier aber nicht die gen Himmel entschwebende Maria, sondern die Mutter mit dem Jesuskind. Zu vermuten ist unter dem Brokatumhang eine sog. Mond-Sichel-Madonna, wie man sie auch auf den Mariensäulen darstellt, die Bezwingerin irdischen Leids.
Die Mondsichelmadonna geht zurück auf eine Vision des Johannes, der eine kosmische, von einem Drachen verfolgte schwangere Frau „sah“, die mit Sternen gekrönt und mit der Sonne bekleidet auf dem Mond steht und dem letzten apokalyptischen Gefecht zwischen einem Drachen, Schlange und dem Erzengel Michael zusieht:
„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt…..“


Mit der körperlichen Aufnahme Mariens in den Himmel hat auch die evangelische Theologie ihre liebe Not. Sie kann sich aber auf ein Zitat aus einer Predigt Martin Luthers vom 15. August 1522 zurückziehen:
„Man kann aus diesem Evangelium nicht beweisen, dass Maria im Himmel ist, ist auch nicht vonnöten; man muss nicht alles genau aussagen können, wie es mit den Heiligen im Himmel zugeht."
Ganz im Sinne des aktuellen Zeitgeistes bedient sich die Amtskirche in einigen Bistümern der Sozialen Medien. So hat das Erzbistum Köln eine Grafik zu Maria Himmelfahrt gepostet, die dieses Fest und seine Geschichte mit den zeitgemäßen und minimalen Ausdrucksmitteln beschreibt und sich vor allem an Kinder wendet.

4. Ferragosto
Wer schon einmal am 15. August in Italien weilte, aus welchen Grund auch immer, das aber in einer Kleinstadt, weit von den von Touristen überrannten Ferienorten an Adria oder Riviera, der durfte den 15. August als einen tief in der katholischen Volksseele verwurzelten Feier- und Festtag erleben. Dabei war Ferragosto schon in der Antike ein staatlicher Feiertag. Das Fest wurde erst mit der Ausbreitung des Christentums mit Maria Himmelfahrt überlagert, und ist noch heute einer der wichtigsten Feiertage im Jahreskreis. Wie oben schon beschrieben, gedachte man im Römischen Reich an diesem Tag des Sieges über Marc Anton und feierte um Mitte August ein dreitägiges Fest, feriae Augusti. Kaiser Octavian Augustus führte es 18 v. Chr. im gesamten römischen Reich ein. Nach diesem Kaiser ist übrigens auch der Monat August benannt. Ferragosto war anfangs eine Zeit der Ruhe, man feierte die ertragreiche Ernte und schmückte die Ochsen, die sonst mit dem Bauern auf dem Feld arbeiten mussten, mit Blumen. Pferderennen und typisch römische Volksbelustigungen begleiteten den Feiertag.
Auch nach dem Untergang des Römischen Reiches blieb dieses Fest im Volk tief verankert und wurde zum Familienfest, in modernen Zeiten genutzt für Ausflüge ans Meer oder zur Verwandtschaft. Es ist auch deshalb so populär in der Gesellschaft geworden, weil, da mitten im Sommer, schönes Wetter fast immer garantiert ist. Für die Volksseele in Italien ist Ferragosto mehr als nur ein Feiertag, es ist ein bestimmender Teil ihrer Geschichte, Kultur und Identität. Man kommt zusammen und stärkt die Gemeinschaft, in der Familie, im Freundeskreis, in der Gesellschaft – und nimmt an den Prozessionen zu Ehren von Maria Himmelfahrt teil.
5. Kräutersegnung an Maria Himmelfahrt – mindestens sieben müssen es sein
Wie bereits oben beschrieben, lässt sich die Verbindung von Kräuterweihe und Marienverehrung mit der Legende von dem mit 77 Kräutern ausgelegten Steinsarg erklären, in den Maria gelegen haben soll. Die Apostel fanden sie, als sie den Stein vom Grab Mariens weggerollt hatten. Das Sammeln von Kräutern hat aber auch Wurzeln im Alten Testament.
Die Verbindung des sog. „Frauendreissigers“ mit der Verehrung Mariens, dem Kräutersammeln und deren Segnung hat zahlreiche Ursprünge, und wie bei vielen christlichen Feiertagen sind sich Glaube, und Aberglaube sehr nahe. Die fromme Legende von den 77 Kräutern im leeren Grab soll auf die 77 Jünger hinweisen, die Jesus aussandte, um den neuen Glauben zu verbreiten. Doch schon die Jünger am leeren Grab Mariens waren vom Duft wohlriechender Kräuter und dem lieblichen Wohlgeruch von Blumen angetan. In der „Leganda Aurea", einem im Mittelalter sehr populären Volksbuch des Dominikanermönch Jacobus de Voragine, heißt es, dass sich der wohlriechende Blumenduft verbreitet habe, als Jesus Christus hinabstieg, um seine Mutter aus dem Steinsarg heraus in den Himmel aufzunehmen. Eine andere fromme Legende erzählt, dass auf Weisung eines Engels dem Leichnam Mariens eine Palme, das Symbol für Unsterblichkeit und Ewigkeit, voraus getragen wurde.
Der Frauendreißiger, die 30 Tage zwischen dem 13. oder 15. August und dem 13. oder 15. September ist ganz der Gottesmutter Maria gewidmet, liegen doch in diesem Zeitabschnitt Mariä Himmelfahrt am 15. August, Mariä Namen am 12. September und Gedächtnis der Schmerzen Mariens am 15. September. Anfang und Ende dieser Zeit der Verehrung Mariens sind genau festgelegt. Sie beginnt mit der ersten Vesper an Mariä Himmelfahrt und endet bei Sonnenuntergang am Gedächtnistag der Schmerzen Mariens.
Es ist die günstige Zeit für das Sammeln von Kräutern bzw. Heilpflanzen, denen dann ihre größte Heilkraft zugeschrieben wird. Das Sammeln von Kräutern, denen man heilende bzw. schützende Wirkung zuschreibt, soll schon in alttestamentarischer Zeit in Vorderasien üblich gewesen sein, war auch bei den Kelten Mitteleuropas bekannt. Im Hochsommer sind die Kräuter „erntereif“, entfalten ihre beste Wirkung und manche, wie die Königskerze, galten gar als mystisch. Es hieß, wenn man in der Nacht ganz leise ist, dann kann man Elfen bei ihrem Ringeltanz rund um diese schöne Pflanze sehen. Die katholische Amtskirche hat für das Kräutersammeln auch eine Stelle im Alten Testament gefunden. Von Jesaja, der um 700 v. Chr. im Königreich Juda gewirkt haben soll, findet sich im Buch Jesaja 11,1 die Beobachtung:
„Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“
In christlicher Lesart lässt sich das, zwar sehr sehr weit hergeholt, als Auftrag zum Kräutersammeln interpretieren. Es hat Frater Conradus aus Trier um 1580 gar zu einem Weihnachtslied inspiriert:
Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart / von Jesse von Isai, dem Vater Davids /
kam die Art. Das Röslein, davon Jesaja sagt, ist Maria, die Reine.
Die erste Zeile „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart“ symbolisiert die Jungfrau Maria als Wurzel, aus der Jesus, das „Blümlein“, hervorgeht.
Dass die im Frauendreissiger gesammelten Kräuter von besonderer Wirkungskraft sein sollen, weil sie ja unter dem Patronat Mariens stehen, und weiter, zwar erst durch die Kräutersegnung, wahre Wunder der Heilung bewirken können, das ist nur mit einem starken Glauben nachvollziehbar. Das Problem, dass die zur Kräutersegnung an Maria Himmelfahrt vorgelegten Kräuter ja alle schon vor dem Frauendreissiger gesammelt wurden, darüber geht der fromme Volksglaube hinweg, bzw. gibt als Sammeltermin den Morgen von Maria Himmelfahrt an.
Das Sammeln und die Segnung von Kräutern ist in Mitteleuropa auch ein Auftrag aus dem germanischen Götterhimmel. Freya, die schöne Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings, des Glücks und der Liebe, sowie Lehrerin des Zaubers liebte Mandel, Arnika, Labkraut, Benzoe, Vogelbeere, Klee, Zypresse, Gänseblümchen, Hanf, Bilsenkraut, Stechpalme, Mistel, Beifuß, Schlafmohn, Primel, Rose und Erdbeere und die daraus gewonnenen ätherischen Öle, also nahezu alles was an Kräutern im kalten Germanien wuchs.
Wichtiger als die Art ist die Zahl der Kräuter. Es musste eine symbolische heilige Zahl sein, ungerade und sie sollten unter der Mittagssonne gepflückt werden:
- drei für die Dreifaltigkeit,
- sieben für die sieben Sakramente,
- sieben die Zahl der Vollendung, der Addition der 3, Symbol des Geistigen, mit der 4, Symbol des Weltlichen,
- 9 und 99 sind als mehrfach verstärkte 3 ein Symbol für die Dreifaltigkeit und die Vollkommenheit,
- zwölf für die Anzahl der Apostel oder der Stämme Israels, auch die Zahl der Rauhnächte,
- in 15 steckt die drei fünfmal,
- 77 für die Anzahl der von Jesus noch persönlich ausgesandten Jünger.
Auch Vervielfältigungen dieser heiligen Zahlen waren möglich. Üblich sind je nach Region zwischen sieben und 77 Kräutern.
Der 9er Buschen besteht z. B. aus Johanniskraut, Schafgarbe, Baldrian, Arnika, Königskerze (immer in die Mitte binden), Kamille, Wermut, Pfefferminze und Tausendgüldenkraut.
Der 15er Buschen besteht z.B. aus Fünffingerkraut, Glockenblume, Kümmel, Margerite, Eberwurz, Bibernelle, Wermut, Pfefferminze, Weinraute, Liebstöckel, Teufelsabbiss, Mooskolben, Bittersüßer Nachtschatten und Johanniskraut – um die Königskerze gebunden.
In die Mitte des Kräuterstraußes gehört immer – als Zepter – die Königskerze. Dazu kommen Thymian, Johanniskraut, Meisterwurz, Schafgarbe, Arnika, Tausendgüldenkraut, Baldrian und Basilikum. Zuweilen werden die drei letzten Pflanzen auch durch Frauenmantel, Augentrost und Salbei ersetzt. Auch Wermut, Vanille, Pfefferminze und Holunder sind gebräuchlich, ebenso Gartenblumen – vor allem Nelken. Klassisch ist auch folgende Zusammensetzung:
- Die Mitte bilden Rose (Maria) und Lilie (Josef), oder auch eine Königskerze,
- Rosmarin soll zum guten Schlaf verhelfen,
- Salbei zu Wohlstand, Weisheit und Erfolg,
- Wermut verspricht Kraft, Mut und Schutz,
- Minze schützt die Gesundheit,
- Arnika schützt gegen Feuer und Hagel,
- Kamille steht für Glück und Liebe,
- Getreide für das tägliche Brot.


Später werden die Buschen mit den Blüten nach unten zum Trocknen aufgehängt, in bäuerlichen Gegenden oft im sogenannten Herrgottswinkel am Kruzifix. Teile der Sträuße wurden früher in den Scheunen unter die erste Garbe gelegt damit die Ernte reich ausfalle, auch den Stalltieren unters Futter gemischt damit das Vieh gesund bleibe.
Bei Krankheiten war es üblich, Kräuterbuschen mit Weihrauch vermischt im Krankenzimmer aufzuhängen. Bei Gewitter warf man die Kräuter ins offene Feuer. Dies sollte gegen Blitz und Seuchen schützen. Brautleuten legte man in der Hochzeitsnacht Kräuter unters Kopfkissen. Sie sollten ein langes, kinderreiches Leben bescheren. Tote bekamen ein Kreuz aus geweihten Kräutern aufgelegt – als Stärkung für ihre letzte Reise.
Wie so oft hat die katholische Amtskirche auch mit dem Kräuterbuschen, Würzbüschel oder Kräuterbuschen einen uralten, gar vorchristlichen Brauch im 8. Jahrhundert in ihre Tradition überführt. Ursprünglich diente der Brauch einfach dazu, zur besten Erntezeit einen Vorrat heilkräftiger Pflanzen für die kalte Jahreshälfte anzulegen. Entsprechend bestanden die Sträuße aus wilden Kräutern und Samen. Die Kelten widmeten und verknüpften den Brauch des Kräutersammelns mit ihren ausgelassenen Sonnwendfeiern, die „weisen Frauen“ legten sich einen Vorrat zu, um Kranken Genesung zu bringen. Dass die Amtskirche sie verfolgte, gar als Hexen denunzierte, das hatte viel mit der Vorstellung zu tun, dass Krankheit eine Strafe Gottes war und den Menschen zu läutern hatte. Dieses dunkle Kapitel muss hier unberücksichtigt bleiben.
Als die katholische Kirche mit ihrem Verbot der populären Kräuterbuschen scheiterte, verpasste sie der Tradition einen christlichen Rahmen. Und primär deshalb werden an Maria Himmelfahrt Schutz und Glück bringende Kräuter gepflückt, zum Strauß gebunden und in der Kirche mit Weihwasser gesegnet.
Epilog
Die Leserinnen und Leser werden festgestellt haben, die Geschichte um den Feiertag „Maria Himmelfahrt“ ist sehr breit und ausführlich dargestellt, aber auch das Kräutersammeln im Frauendreissiger. Das ist der Absicht des Autors geschuldet, denn die religiösen Wurzeln christlicher Feiertage sind vielen Menschen nicht mehr bekannt, ihre vorchristliche Tradition noch weniger. Eine säkulare Gesellschaft hat die christlichen Feiertage verweltlicht, und fällt einer, wie Maria Himmelfahrt, gar noch in die Urlaubszeit, dann wird er eher als willkommene Verlängerung des Urlaubs, und ist es nur ein Tag, denn als Feiertag wahrgenommen. Gleichzeitig ist es nicht nur eine Annahme, sondern durch persönliche Beobachtung belegbar, das Kräutersammmeln und die Anwendung derselben ist aus der Mode gekommen, die Menschen vertrauen bei körperlichen Leiden eher der Pharmazie. Und weil dieses Werk primär für die Mitglieder und Freunde des Heimat- und Traditionsvereins Hallbergmoos verfasst ist, soll ein Partnerverein in Hallbergmoos besonders hervorgehoben sein, der Gartenbauverein Hallbergmoos. Er hat sich mit dem Kräutersammeln und dem Binden zu Buschen befasst und es ihm dazu mehr Breitenwirkung zu wünschen. Eine an die Natur angelehnte Heilkunde ist zunehmend anerkannt und wird auch von Mitmenschen, die wieder nahe zur Natur leben, gepflegt und gefördert. Es gilt aber auch: Die besondere Wirkung von Kräutern durch ihre Weihe ist in einer säkularen Gesellschaft nicht mehr glaubhaft. So bleibt dem Verfasser nur der Wunsch, dieser Beitrag möge die Leserinnen und Leser zumindest die Historie eines Feiertags nahe bringen, aber auch erkennen lassen, dass je nach Kulturkreis nicht nur die Bezeichnungen des hier behandelten Feiertags differieren. Vielleicht ist doch die orthodoxe Ostkirche näher an den Grundfesten christlichen Glaubens, wenn sie „unseren Feiertag Maria Himmelfahrt“ auf das „Entschlafen Marias“ herunterstuft. Doch damit mögen sich Theologen befassen.
Quellen und Literatur
https://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%A4uterweihe
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Candid
https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Palme
https://natuerlich.thieme.de/heilpflanzen/detail/kraeuterstraeusse-an-maria-himmelfahrt-3546
https://sammlung-reuschel.de/werke/aufnahme-des-aeneas-in-den-olymp/
https://tourismus.freising.de/unsere-tipps/detail/erntedank-marktfest-in-der-oberen-altstadt (nicht mehr verfügbar)
https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Erntedank-Geschichte-und-Bedeutung-des-Erntedankfests/
https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&sca_esv=a66cce0409c10300&sca_upv=1&q=Kr%C3%A4uterbuschen+binden&udm=2&fbs=
https://www.katholisch.de/artikel/1826-der-frauendreissiger
https://www.mdr.de/religion/religion/wo-ist-mariae-himmelfahrt-feiertag-datum-ursprung-bedeutung-brauchtum-114.html
https://www.muenchner-dom.de/die-kathedrale/rundgang/das-hochaltarbild/
https://www.zauberkraeuter.at/post/kraeuterweihe
https://www.domradio.de/artikel/eine-theologische-betrachtung-zum-fest-maria-himmelskoenigin
Kutaissi. Bildrechte: imago images/GFC Collection
Schrüfer, Hannes: Die Kräuterweihe: Beschreibung des althergebrachten Brauches der einheimischen Heilkräuter, Grafena, 1989