2. Sammelblatt
Wladimir, Sohn einer Ostarbeiterin aus dem Krieg, auf der Suche nach seiner Geburtsurkunde
Bis aus der Ukraine kam Wladimir angereist, um die Stätte seiner ersten Kindheit zu besuchen. Als Sohn einer Ostarbeiterin, die auf dem Schlossgut Erching dienstverpflichtet war, kam er am 16. März 1943 im Durchgangslager für russische Zivilarbeiter in Dachau zur Welt.
Dorthin hatte Gutsbesitzer Selmayr pflichtgemäß die schwangere Mutter zur Niederkunft gebracht und auch sofort wieder mitgenommen. In Erching, Fischerhof verbrachte Wladimir die ersten Kindheitstage. Ein Foto von ihm im Kinderwagen vor dem 1966 abgerissenen Fischerhof belegt dies, wie auch mehrere Zeitzeugen diese Tatsache bestätigten.
Nach Rückkehr der Mutter mit ihrem Sohn in die Heimat nach Ende des 2. Weltkrieges 1945 galt Wladimir bei seinen Landsleuten als in Deutschland geborenes Kind als Faschist und wurde als solcher tyrannisiert. Deshalb verbrannte seine Mutter vor seinen Augen seine deutsche Geburtsurkunde ausgestellt in Dachau. Eine solche war bei der Einschulung vorzulegen. Die Mutter ließ diese durch eine russische ersetzen.
Im Jahr 1994 stellte Wladimir über das Deutsche Rote Kreuz einen Nachforschungsantrag, auch bezüglich seines Vaters. Der Antrag blieb ergebnislos.
Deshalb entschloss sich Wladimir zu Weihnachten seine Kindheitsstätte aufzusuchen und rief dazu am Freitag den 07.12. bei Familie Selmayr mit den Worten an: „Komme morgen 14 Uhr München Hansastraße“.
Gesagt - getan wurde er bei Familie Selmayr herzlich aufgenommen und versuchte mit deren Hilfe Licht in das Dunkel seiner ersten Kindheitstage zu bringen. Erschwerend kam hinzu, dass Wladimir kein Deutsch spricht und auch nur besagtes Kinderwagenfoto, die russische Geburtsurkunde sowie einige Erinnerungen seiner Mutter parat hatte.
Der ganze Sachverhalt konnte nur unter Mithilfe einer Dolmetscherin sowie einer noch lebenden anderen Ostarbeiterin aus Polen, die im Raum München lebt, rekonstruiert werden. Nach Aussagen dieser Frau war sein Vater ein kriegsgefangener Franzose.
Hätte dieser die russische Akulina geheiratet, wäre es möglich gewesen am Kriegsende mit ihr und dem Kind nach Frankreich einzureisen .
In der Gemeinde Hallbergmoos waren keine Unterlagen dazu vorhanden, doch konnte das Bürgerbüro die Geburtsurkunde aus der Stadt Dachau beschaffen, die die Geburt dokumentierte. Ein Hinweis auf Wladimirs Vater fehlte auch in der Geburtsurkunde, genauso wie in den Erzählungen seiner Mutter.
Mein besonderer Dank gilt Christina und Josef Selmayr, die nicht nur die Idee zu diesem Sammelblatt hatten, sondern auf deren Initiative sich auch die Zeitzeugen bei Ihnen zu Hause trafen. Auch die unbedingt erforderliche Dolmetscherin hatte Familie Selmayr hinzugezogen und das Manuskript überarbeitet.
Karl-Heinz Zenker
Hallbergmoos, im Dezember 2006